Bericht zu der Peru-Reise 2007 / Eugen Bruder Geschrieben am Juni 13, 2007 von peru

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Lima 6.4.07, 3.45 a.m. (10.45 MEZ)

 

Gut angekommen, Mary hat mich heute nacht abgeholt. Der Flieger hätte um 22.45 ankommen sollen, er landete aber erst  kurz vor Mitternacht, da er in Atlanta verspätet abgeflogen war. Lange Schlangen vor der Passkontrolle (wegen Ostern), beim Gepäck wartete ich  ewig auf die große Plastiktasche, voll mit Kinderkleidern. Ich dachte schon, sie wäre geplatzt und käme nicht an. Durch Zufall hörte ich, wie ein Mann zu einem ebenfalls am Band (mit den gleichen sich drehenden restlichen Koffern) wartenden Reisenden sagte, in einer Ecke seien noch viele Koffer. Ich fuhr mit meinem Wägelchen mit Rucksack und Seesack dahin, tatsächlich – da war meine Plastiktasche, unversehrt, und ich war glücklich. Die letzte Hürde war jetzt noch der Zoll. Obwohl im Formular für die Zollerklärung, das man im Flugzeug erhalten hatte, stand dass man Computer (also mein Laptop) und alles mit einem Wert über 1.000 Dollar angeben müsse, hatte ich ausgefüllt „nichts zu erklären“. Da ich 50 Schachteln à 10 Ampullen Glucantime dabei hatte dachte ich, dies sei mehr wert als 1.000 $ und war etwas nervös. Es gab mehrere Schlangen, ich ging zur kürzesten, gab mein Zollformular ab und musste mein Gepäck durchleuchten lassen. Danach konnte ich meine Sachen ohne Probleme wieder aufladen und war durch. Ich konnte es noch gar nicht glauben.

Erst bei Mary, die mich abholte, habe ich nachgerechnet, das Glucantime kostet pro Schachtel nur 4,47 €, die 50 Schachteln also nur 233,50 €, also rund 300 $ – meine Sorge war also unbegründet.

Dann erzählte sie von ihren Kindern: Yossy arbeitet seit Sommer 2006 als Zahnärztin in einem Centro de Salud in einem Dorf bei Bagua (Dep. Amazonas). Die Fahrt von hier dauert 12 Std. mit dem Bus bis Chiclayo, dann ca. 14 Std. bis Bagua Grande (von dort gibt es auch Busverbindungen bis Tarapoto), dann 1 Std. bis Bagua Chica und von dort noch mal 3 Std. bis Chiriaco. Brian arbeitet bei der Scotiabank und Peggy immer noch als Telefonistin. Guillermo (ihr Mann) bekommt monatlich 100 Soles Rente (ca. 24,- €), er arbeitet ehrenamtlich für einen seguro (Versicherung). Sie bekommt zum Glück 800,- Soles Rente und hat euch eine Krankenversicherung, die ziemlich alles zahlt (z.B. auch ihre Blinddarmoperation vor einigen Jahren)

Sie erzählte auch vom Leishmanioseprojekt: Dr. Llanos von der Uniklinik „Cayetano Herredia“ bringt Patienten in einer billigen Pension in Callao unter (de Religiosos), für 15 Soles – mit Essen….

 

Tingo Maria, Ostersonntagmorgen, 8.4.

 

Es ist 5 Uhr, ich bin seit ca. 1 Stunde wach. Seit einer guten halben Stunde krähen draußen die Hähne. Wie zu Hause setze ich mich an den PC (hier jetzt auf’s Bett und  den Laptop auf den Knien) und schreibe ein bisschen. Zum Glück habe ich dieses Maschinchen mitgenommen, denn von Hand zu schreiben ist nicht so praktisch – am PC kann man es speichern, weiterverarbeiten, als email verschicken etc. Ich wollte auch den Anfang dieser Notizen an Geli, Angie und Susu schicken – aber Zulmas PC hatte keinen Slot für meinen USB-Stick – zumindest habe ich gestern Abend um Mitternacht, als ich die email an Geli schrieb, keinen gesehen. Ich schau heute Morgen noch mal, vielleicht finde ich doch einen. Aber viel Zeit habe ich nicht, denn um halb 7geht’s los zur Osterprozession mit dem auferstandenen Jesus. Doch erst mal zur Fortsetzung:

 

In Lima hatte ich wenig geschlafen. Ich fühlte mich trotzdem einfach fit und fing an, Sachen aus- und umzupacken, irgendwann kam der kleine Hund „Chiqui“ und suchte Anschluss. Er beschnupperte mich, ließ sich kraulen und bettelte „hoch“ – ich nahm ich hoch aufs Bett und da schlief er dann friedlich neben mir. Ich machte auch ein paar Bilder von ihm, später auch von dem etwas sanierungsbedürftigen Bad… Jimmi war irgendwann aufgestanden, hatte das TV angeschaltet, war aber auf dem Sofa wieder eingeschlafen. Ich sortierte meine Dollars für Zulma und Roger (in Aucayacu) und döste zwischendurch immer mal wieder ein bisschen. Irgendwann gegen 9 Uhr hörte ich jemand in der Küche, es war Nadia, die 20-jährige Tochter von Wilmer. Ich unterhielt mich lang mit ihr. Sie studiert Englisch und Französisch an einem Institut in La Molina – ist ein richtiger Stadtteil (distrito) von Lima, ich dachte immer, La Molina sei nur die Agraruni. Sie wird dann irgendwann Übersetzerin.  Ich schenkte ihr einen Eine-Welt-Taschen Kalender, sie freute sich sehr darüber, sie hatte noch keinen Kalender und trug gleich ihren Namen ein. Ich zeigte ihr ein paar der entw. politische Karikaturen, fand sie auch gut. Sie erzählte, in den Ferien im März habe sie  einen Monat in einem call-center gejobt. Es war für eine amerikanische Firma, die in den USA und Mexiko für Sachen zum Abnehmen wirbt mit einer Tel.Nr. in Miami. Die Anrufer denken, sie reden mit einer jungen Dame in Miami – tatsächlich sitzt diese in Lima. Das kommt die Firma billiger, außerdem seien die Peruaner(innen) gute Verkäufer. Anscheinend sind die Anzeigen auf Spanisch, denn es rufen nur Mexikaner, Puertoricaner und andere Latinos aus den USA an. Sie musste den Leuten erklären, was es alles an Produkten gibt und sie möglichst zu einer Bestellung bringen. Dafür bekam sie dann eine Provision auf ihr Fixum von 600 Soles (ca. 200 €). Einige Kolleginnen brachten es so auf über 1.000 Soles. Zum Vergleich: Ihr Bruder Jimi hat Informatik studiert (Bachiler) und arbeitet in seinem Beruf und bekommt 1.400 Soles.

Irgendwann kam Mary mit Alicia, der Tante von Guillermo. Ihre 90 Jahre sieht man ihr nicht an, sie könnte auch 70 sein. Sie war Krankenschwester, in Requena am Rio Ucayli geboren, später ein paar Jahre in Contamana und in den letzten 40 Jahren in Iquitos. Hat wohl auch was mitgekriegt vom Krieg mit Ecuador (und Kolumbien – meinte sie), sie sagte aber, Iquitos wäre schon immer Teil von Peru gewesen, die Ecuadorianer hätten es ihnen abnehmen wollen. Ihr Schwiegervater war am Rio Alto Nanay ein Kautschukbaron mit großen Latifundien gewesen, die Kinder hätten an Elite-Unis in Europa studiert. Was ihr Man genau gemacht hatte, vergaß ich zu fragen, sie sagte nur, sie habe auch eine Zeitlang in Tingo Maria und Puente Cayumba gelebt – dort sei ihr Mann mit 56 Jahren gestorben. Es machte echt Spaß, der alten Dame zu lauschen. Sie erzählte so lebendig, dass man meinte, es sei gestern gewesen – spannend war vor allem eine Geschichte über Schlangen im Urwald.

 

 

Aucayacu, 9.4.

 

Es ist 6.20. Man hat mir das Bett von Jimena hergerichtet – Luigis Tochter, die vor kurzem ihre 15 Jahre gefeiert hat. Dies ist für alle Mädchen in Peru ein Riesenfest mit schicken Kleidern, die jedem Brautkleid Ehre machen. Jimena studiert in Huanuco, somit ist das Bett frei. Die Zeit verrinnt wie im Flug – man müsste sie festhalten können. Da ich Mitte der 70er Jahre über 2 Jahre hier gelebt habe, suche ich überall nach Spuren aus jener Zeit. Es hat sich soviel verändert, aber einige der Freunde von früher sind noch da. Der wichtigste davon ist Luigi, der damals in der Landmaschinenwerkstatt der Zentralgenossenschaft als Mechaniker arbeitete.

Aber erst mal der Reihe nach:

Gestern war ich mit Zulma gegen halb 7 zur Osterprozession gegangen. Eine schwarz gekleidete Muttergottesstatue auf einem Riesenpodest wurde von Frauen mit schwarzem Schultertuch unter Blasmusik (die einer Dixieland-Kapelle glich) aus der Kirche getragen. Das bedeutet, Maria trauert um ihren Sohn. Viele Menschen folgten der Prozession ein Stück über die Hauptsraße und zurück, zwischendrin war auch mal ein Hund, von einem Dach wurden wir von einem Geier beobachtet. Als wir uns wieder der Kirche näherten, trugen weiß gewandete Männer eine Statue des auferstandenen Jesus aus der Kirche und trugen sie feierlich Richtung Maria. Dort waren die Umhänge der Frauen und auch das Kleid von Maria inzwischen auch strahlend weiß, aus Freude dass der Sohn nicht tot, sondern auferstanden ist.

Die Männer gingen freudig auf die Frauen zu, die Musik spielte einen wunderschönen Hayno (Tanz aus dem Hochland) und plötzlich wurde mitten auf der Straße Hayno getanzt. Einer rief: Auf zum Tanz, wir wollen unsere Osterfreude zeigen. Es war sehr beeindruckend, wie ein richtiges Freudenfest.

Dann gingen alle in die Kirche zur Ostermesse. Es kamen immer mehr Leute, sodass kaum alle reinpassten, obwohl die Kirche recht groß ist (sie wurde in den letzten Jahren erweitert). Die kleinen Mädchen hatten ihre besten Kleidchen mit Rüschen an, ich habe en paar Schnappschüsse gemacht. Eine süße Kleine mit einem frechen Gesichtchen zeigte zu ihrem größeren Schwesterchen immer wieder mit  dem Finger auf dem Mund, dass man still sein soll, gleichzeitig schnitt sie aber solche Grimassen, dass das Ganze unheimlich witzig aussah – die Kleine hat richtiges Schauspieltalent. Nach der Messe sah ich die beiden wieder mit ihrer Mutter. Ich fragte, ob sie aus Tingo Maria sei, um ihr ein Bild bringen zu können, da sagte sie mir, sie käme ein gutes Stück aus den Anden runter, etwa eine Stunde Fahrt auf der Straße Richtung Lima. Ich gab ihr die Adresse von Zulma wo ich ein Foto hinterlassen werde.

Die Messe dauerte ca. 2 Stunden, war sehr lebendig. Ein junger, dynamischer Pfarrer aus Iquitos mit dem typischen Urwaldakzent riss die Menschen richtig mit. Beim Vaterunser fassten wir uns alle an den Händen, auch beim Friedensgruß dachte ich, ich gehöre dazu, so herzlich waren die Umarmungen. Nach der Messe kamen viele Menschen auf die Kirchenstufen, wo der Pfarrer sie mit dem in der Osternacht geweihten Weihwasser segnete und dabei nicht mit Wasser sparte und herzhaft lachte. Zulma bekam auch eine Ladung auf ihre Brille ab und sah eine Zeitlang nur noch verschwommen.

Wieder zuhause gab es ein tolles Osterfrühstück. Die vielköpfige Großfamile von Zulma labte sich an mitgebrachtem Capucino, gefärbten Ostereiern und Sauerkirschmarmelade aus Unterheinriet.

Mit dabei waren auch Paty und Carlos, zwei wichtige Leute in unserem Partnerverein AAIDECOR, mit dem zusammen das Wasserkraftwerk in Montevideo gebaut wird. Carlos ist der Vorsitzende und wurde schon erwartet. Es erstaunt mich immer wieder wie die Menschen hier das Alles so auf die Reihe bekommen. Er arbeitet seit einiger Zeit weiter nördlich im Raum Tocache als Berater der Cooperativa Divisoria  für Kaffeebauern und kommt dort kaum weg. Er ist dabei, sie zu organisieren, um u.a. die Vermarktung zu verbessern. Ich werde ihm die e-mail-Adresse von Heiner schicken – wegen Kaffeevermarktung – evtl. könnte Carlos Heiner im Juli treffen. Das Ganze läuft unter dem „Programa Desarollo Alternatio“ – PDA, Tocache mit Mitteln aus dem Drogenbekämpfungsprogramm der USA. In dem Gebiet ist auch die GTZ mit einem ähnlichen Programm aktiv – Carlos kennt Leute von denen. Auch Paty arbeitet im PDA, in der area de actividades economias. Zu ihnen will ich unbedingt Kontakt halten, es sind 2 sehr engagierte junge Leute.

 

 

Tingo Maria , 10.4.

 

Es ist 7 Uhr. Ich war gestern Abend  gegen 18 Uhr fast eingeschlafen (musste auch schon im Krankenhaus beim Gespräch mit dem Direktor Dr. Donayre mit dem Schlaf kämpfen) – deshalb hatte ich mich hingelegt und sofort gepennt bis ca. 22.30. Zulma servierte mir ein leckeres Abendessen und dann schauten sich Fernando und Zulma bis gegen halb eins ganz viele Fotos auf dem Laptop an, aktuelle aber vor allem von 2005 (40 Jahre DED). Ich staunte, wie viel Leute Zulma auf den Fotos vom Empfang beim Botschafter kannte, u.a. Vinzenz Zender! Horst Eichhorn hätte sie nicht mehr erkannt, er hat sein Äußeres auch ganz schön verändert. Ich setzte mich danach noch an den PC und schrieb emails, ich war ja wieder fit. Gegen 3 Uhr legte ich mich dann auch schlafen.

Das Gespräch mit Dr. Perez war gut. Ein freundlicher, rundlicher Mann an einem Schreibtisch  voller Papiere. Er ist zuständig für das Leishmanioseprogramm, wobei von Tingo aus sich das Gebiet bis Tocache und Aguaytia erstreckt (hospital de referencia). Sie machen die Diagnose mit „Leishmanina“, was Zulma aus Projektmitteln für ca. 50 $ besorgt hatte. Er sagte, sie bräuchten jetzt ein solches Diagnosemittel von einem anderen Institut, Zulma hat es sich aufgeschrieben. Wenn die Behandlung mit Glucantime oder Estiboglucanoto ohne Komplikationen verläuft, schicken sie die Patienten an das zuständige Centro de Salud (oder auch puesto de s.) zur Weiterbehandlung. Dort ist von staatlicher Seite für genügend Estibugluconato gesorgt. Dr. Perez meinte aber, Glucantime sei viel besser, denn es habe weniger Nebenwirkungen. Er wisse auch nicht, warum der Staat kein Glucantime besorge – evtl. kommt das aber mal wieder. Übrigens erwähnte Zulma, die Ampulle Glucantime koste 20 $.

Dr. Perez sagte, der Patient Ever aus Montevideo solle unbedingt zur Kontrolle ins Krankenhaus kommen. Ich werde es ihm ausrichten. Ebenso solle das kleine Mädchen gebracht werden, dort müsse man möglicherweise das ganze Haus mit einem Insektizid gegen  die Vektoren behandeln, denn bei Patienten unter 5 Jahren erfolgte die Ansteckung evtl. im Haus. Er sprach von DDT aber auch von einem Pyrethroid.

Möglicherweise sind auch Kühe Träger von Leihsmanien, ein Student erzählte, er habe an der UNAS Kühe mit Leihsmaniose gesehen. Ich solle in Montevideo auch mal darauf achten, ob die Kühe Leptospirosis haben. Diese sei durch Ausscheidungen am Gras etc. auch auf Menschen übertragbar. Folgen von L. bei Kühen sind z.B. Aborte.

Wünsche:

Microscopio de imunofluorescencia indirecta zur schnelleren Diagnose von Leishmaniose. Bisher müssen sie in Fällen, wo das Leishmanina nicht ausreicht Proben nach Lima schicken. Und es dauert mindestens 2 Wochen, bis sie eine Antwort haben. So könnten sie ggfs. gleich mit der Behandlung beginnen. Zudem bräuchten sie eine einfache Digitalkamera, um Aufnahmen von den Krankheitsbildern zu machen (für die Krankenakte).

Es ist inzwischen kurz vor 8, ich schau mal, ob es neue Nachrichten vom Streik der Kokabauern in Tocache gibt…..

 

 

Montevideo, 12.4., 5.45 Uhr

 

Ganz langsam wird es hell. Draußen krähen schon lange die Hähne, vereinzelt hörte man ab ca. 5 Uhr einen Frosch aus der nahen Lagune. Gestern Abend war es ein echtes Froschkonzert, einer fing an, andere antworteten, zwischendurch „blökte“ einer immer wieder ganz tief. Ich habe mit Peter Wicke ein 2-Bett-Zimmer im 1. Stock des Gästehauses geteilt und wunderbar geschlafen. Das Bett richtig mit Matratze und Leintuch + Kopfkissen + dicker Wolldecke.

Nachdem wir Peter gestern Morgen kurz um 6.45 vom Busbahnhof Grupo Rey abgeholt hatten, holte Wilmer schnell noch Francisco Garrido, der für die Bauwerke des kleinen Wasserkraftwerks in Montevideo zuständig ist. Bis ca. 10 Uhr diskutierten und rechneten beide, wobei Peter ihm immer wieder an Hand der Pläne zeigte, was seiner Meinung nach geändert werden sollte. Dass der Sandfang viel zu klein geplant wurde hatte auch Juan Vargas schon erkannt und abgeändert. Peter hatte ihn in Lima schon getroffen und mit ihm einiges besprochen. Das Tolle: Peter kennt Juan Vargas von anderen Projekten schon von früher, was das Ganze sicher erleichtert. Einige Punke, die  auch mir noch haften blieben waren: Der Wassereinlass für das Druckrohr war falsch geplant, er muss ca 1 m unter der Wasseroberfläche liegen, damit keine Luft mit ins Rohr gelangt.  Ein Rohr, das mit 40 cm Durchmesser geplant ist, sollte mindestens 45 cm haben. Dann ging’s aber ruckzuck los, ich konnte nicht mal mehr die Stiefel richtig anziehen. Im Billigtaxi hatte der Fahrer eine Zeitung aus Huanuco dabei. Dort stand auf der Titelseite ganz groß, dass es ab Montag einen großen Streik der Kokabauern geben wird (es gab ihn schon vor 3 Tagen in Tocache), aber jetzt soll auch die Straße nach Lima und wohl auch nach Pucallpa gesperrt werden. Hoffentlich komme ich am Montag oder Dienstag nächster Woche dann überhaupt nach Pucallpa… In Cayumba kauften wir Wasser für den Aufstieg zu Fuß nach Montevideo und Wilmer suchte den Kombi (Auto) für die Zufahrt nach San Miguel. Der Kombi ist zwar schon recht betagt, ist aber schon auf Gasbetrieb umgerüstet (ich hatte mich schon über die riesige Gasflasche im Kofferraum gewundert).

Inzwischen ist es 6:15, bei den Geräuschen kamen inzwischen Hunde, Vögel und ab und zu eine menschliche Stimme hinzu. Peter war schon beim Fluss und hat sich gewaschen. Er war auch vor mir ins Bett gegangen. Gestern Abend hatte etwa um 19.30 Uhr die Einweihung der neuen kath. Kirche begonnen. Dazu war auch Pater Eliseo von Chinchavito durch den Schlamm nach Montevideo hochgestiegen. Wir waren nach Abstechern ins Waisenhaus und zum Wasserkraftwerk um 12 Uhr losgelaufen und kamen gerade bei Einbruch der Dämmerung in Montevideo an. Bis wir durch einige Schlammpfützen um 18.30 beim Gästehaus waren, war es schon richtig dunkel.

 

 

 

Montevideo, 13.4., 6.45

 

Im Haus von Elpidio zusammen mit Eduardo untergebracht und wunderbar geschlafen. Wir hatten die Hochzeitsfeier um ca. 1 Uhr nachts verlassen und waren im Schein von Elpidios Taschenlampe den Hang vom Hochzeitspaar (Apolinar und Miriam) heruntergestolpert. Elpidio hatte vorgeschlagen, zu gehen, denn der harte Kern war von Bier auf Schnaps umgestiegen. Apolinar hatte mich gefragt, ob er das von mir mitgebrachte Fläschchen Birnenschnaps anbrechen dürfe. Vermutlich wurde es heute Nacht leergemacht…

Gestern war wieder ein ereignisreicher Tag. Wir waren um 6.30 aufgebrochen zu der Stelle, an der  das Wasserkraftwerk gebaut wird. Peter hatte sich bereit erklärt mich auf der Inspektionstour zu begleiten. Er stellte fest, dass man die Anlage  noch weiter optimieren könne, indem man das Wasser an der Quebrada Manuco noch ein Stück weiter oben als von Pancho Garrido festgelegt entnimmt, damit es wegen des geringen Höhenunterschieds besser an der Camara de carga ankommt. Er schlug daher vor, einen kleinen Damm an einer felsigen Stelle oberhalb eines „Mini-Wasserfalls” zu bauen – dadurch gewinnt man zusätzliche 2 Höhenmeter und kann daher mehr Energie umwandeln. Die Entnahmestelle aus der etwas schwächeren Quebrada Cristal liegt etwa 100 m entfernt. Aus Zeit- und/oder Kostengründen könnte man diesen Verbindungskanal auch erst später bauen (z.B. in der Endphase des Projekts etwa in 1 Jahr). Weitere ca. 100 m oberhalb befindet sich die Trinkwasser-Entnahmestelle, die 2001 mit Geld aus Chaglla gebaut worden war. Die zur Schule führende Kunststoff-Leitung war vor einigen Jahren durch ein Hochwasser des Rio Serrano unterbrochen worden, kann aber durch Ersatz des fehlenden Stücks wieder in Gang gebracht werden. Statt das Trinkwasser für  das Gästehaus, die Schule und das Dorf wie vor kurzem geplant von der anderen Talseite zu entnehmen (wo erst wieder eine Brunnenstube gebaut werden müsste) ist es evtl. sinnvoller, auf die bestehende Leitung zurückzugreifen und die Hochwasserschäden immer wieder zu beseitigen. Mit dem Geld der KAB Neu-Ulm wurden inzwischen die sanitären Anlagen im Gästehaus (Dusche, WC, Waschbecken, Wand- und Bodenfließen) fertiggestellt – es fehlt nur noch der Wasseranschluss.

Nach der Inspektion des Geländes fand eine wichtige Versammlung über das weitere Vorgehen beim Bau des Wasserkraftwerks statt. Teilnehmer waren Raul Cabello, der Consejero Regional (man könnte sagen Berater des Landrats), Pater Eliseo aus Chinchavito, er ist Koordinator eines Programms zur Hungerbekämpfung, einige Bürgermeister der umliegenden kleineren Dörfer, Wilmer Soria, der Berater der Dorfkäserei und auch Koordinator für den Bau des Wasserkraftwerks. Es ging vor allem darum, Druck zu machen, dass die Distriktgemeinde Chaglla ihre Zusage einer finanziellen Beteiligung beim Bau des Wwasserkraftwerks einhält. Wir (Peter Wicke und ich) sagten, wenn diese Eigenbeteiligung nicht geleistet wird, kann auch die Unterstützung vom deutschen Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht gewährt werden. (Zusatz: Das machte doch Eindruck – am Ende meiner Reise fand noch ein Besuch beim Distriktbürgermeister statt. Dort bestätigte er schriftlich, dass die Gemeinde zu ihrem Wort steht.)

Während Elpidio mit Humberto Roldan Vargas (Stevia Perú) und Eduardo sich eine Sacha Inchi – Pflanzung ansahen (es gibt angeblich in Montevideo schon 9 ha davon) konnte ich in Ruhe 2 Fotos von Marlinda schießen, die vor ihrem Abstieg nach San Miguel, um wieder in die Sekundarschule in Tingo Maria zu gehen, schnell noch ihrer Schwester beim Melken half.

Außerdem wurde ich überraschend gebeten, bei meinem Patenkind Elpidio Alejandro den Brauch des „Corte de pelo“ zu machen. Man lässt den kleinen Kindern die Haare wachsen und ein Pate (muss nicht der Taufpate sein) schneidet sie in einer Zeremonie wenn sie 1 oder 2 Jahre alt sind. In den 2 Tagen in Montevideo bin ich vielfacher „Padrino“ geworden: 3-facher Taufpate von den Kindern von 2 Töchtern und einem Bruder Elpidios sowie Trauzeuge bei seinem Bruder Apolinar.

Schon bei der Hinfahrt hatte uns der Ortsvorsteher von Chinchavito gestoppt und uns in sein Büro gebeten. Dort musste ich ein Band an einem neuen Videogerät durchschneiden und wurde so zum Padrino und bei der Einweihung der schönen Holzkirche in Montevideo sagte mir Elpidio, sie hätten mich als Padrino des Altars gewählt. Da ich kaum nein sagen kann und außerdem der Längste unter den Awesenden war, durfte ich also auch hier ein Band in den peruanischen Farben rot-weiß-rot, das von der Decke baumelte durchschneiden. Ich vermute, dass ich hier noch etwas in die Tasche greifen muss, damit aus dem provisorischen ein richtiger Altar wird. Jedes Fenster bekam einen Paten, Wilmer wurde der Pate einer Tür. Ein abgetrenntes Seitenschiff wird zu einem Krankenbehandlungsraum (topico), bevor später eine Gesundheitsstation gebaut werden soll.

 

 

 

Pucallpa, 20.4. kurz nach 6 Uhr

 

Gestern um 10.30 mit Sammeltai in Tingo losgefahren, und um 17.00 in Pucallpa angekommen, Fahrpreis = 45 Soles. Bei Tingo bis kurz nach Pumahuasi super Straße, der Aufstieg zur Divisoria aber stark ausgewaschen, sehr schlechter Zustand. Beim Boqueron wieder ein Stück super (vor 2 Jahren von Brasilianern gebaut, an einer Stelle hat der Fluss aber schon wieder ein Stück weggefressen, an einer anderen Stelle liegt ne Menge Geröll drauf aber man fährt einfach oben drüber. Beim km 87 gut gegessen (Majas, das gleiche wie Pikuru); für 5 Soles – incl. Refresco. Hier geht die Straße ab nach Puerto Inka und weiter Richtung Pozuzo. Rechts der Straße neu angelegte Ölpalmplantagen, z.T. ganz frisch gepflanzt, restl. Vegetation braun (vermutl. durch ein Totalherbizid). Investoren aus Malaysia sind hier vor kurzem groß eingestiegen, links kommt bei km 70 eine Etraktionsanlage.

Ein Fahrgast (Viktor Hurtado Leon) arbeitet bei Maple Gas (nördlich von Aguaytia), von dort wird Gas nach Pucallpa geleitet und fraktioniert, ein Teil wird zur Stromgewinnung verwendet. Er hat Biologie studiert und arbeitet jetzt fachfremd in der Gasförderung. Seine Familie wohnt in Huanuco, er arbeitet 15 Tage am Stück und hat dann ca. 1 Woche Urlaub. Er macht sich Gedanken um die jungen Leute in den Dörfern in denen er arbeitet. Einige gehen zwar auf die Sekundaria, aber sie müssten danach etwas Technisches lernen (Installateur, Mechaniker, Schneiderin o.ä.) damit sie sich eine nachhaltige Lebensgrundlage erarbeiten können. Er überlegt scheinbar schon lange, wie man ein Projekt mit den jungen Leuten machen könne – und ich lud ihn spontan ein, am Abend zu Raul Tello zu kommen, was er auch tat. Raul kennt die Dörfer, in denen  er arbeitet, und sie wollen sich später mal wieder treffen. Ich schlug vor, er solle bei seiner (amerikanischen) Firma mal anklopfen, ob sie nicht einen Teil ihres Gewinns in ein soziales Projekt im Fördergebiet stecken könnten (er sieht da allerdings schwarz da sie wohl nur an den Gewinnen interessiert sind, was mir irgendwie bekannt vorkam).

 

 

Atlanta, 25.4., 9.30 Uhr

 

Vor ca. 2 Stunden nach 7-stündigem Flug sanft gelandet, in der Endphase des Fluges viele Bilder gemacht. Um ca. 5.30 (peruanische Zeit, 1 Stunde zurück) an der rechten Fensterreihe schöne Morgenröte, links wo ich saß war noch alles dunkel. Ich hatte einen Fensterplatz, neben mir der Platz war frei, sodass ich mich schräg hinlegen konnte. Ich habe gut geschlafen und etwas weitergelesen in „Tod in den Anden“ von Vargas Llosa (eine Stelle im hinteren Teil des Buches, wo es um Pishtacos, Huaycos und einen Mann, der eine durch Uta verunstaltete Nase hat, ging, auch Tingo Maria wurde wieder erwähnt). Das Buch war die optimale Reiselektüre.

Da ich ca. 9 Stunden Aufenthalt habe, konnte ich mir beim Aus-Checken richtig Zeit lassen. , ich fotografierte einige schöne Bilder in dem langen Gang Richtung Passkontrolle und beobachtete die in einer langen Schlange Wartenden. Als die Schlange kleiner war kam ich dann sehr schnell dran. Ich bin jetzt im gleichen Gate E 11 wo ich auf der Hinreise auf den Weiterflug nach Lima gewartet hatte und habe eine Steckdose angezapft, mit derern Hilfewo ein Peruaner seinen Laptop aufgeladen hatte. Zum Glück steckte der Adapter aus Lima, den mir Nadia gegeben hatte (Aufsatz auf unsere runden Stecker, damit er in die amerikanischen Schlitze passt), noch auf meinem Stecker, so dass ich ohne Probleme andocken konnte. Beim Rausziehen war er beim letzten Mal wohl drangeblieben, ich werde sie fragen, ob sie ihn dringend braucht.

In Lima war es noch richtig spannend geworden. Vor dem Flughafen war ein ziemlicher Stau, dann ließ uns ein Uniformierter an der Eingangstür nicht rein. Nach längerer Diskussion schickte er uns zu einer anderen Tür, Zulma und Nadia mussten draußen bleiben. Beim Einchecken  die Plastiktasche 18 kg auf die Waage, der Seesack aber 30 kg was zu viel war. Ich musste vom Schalter weg und in aller Eile Bücher, Schuhe und was ich sonst an relativ Schwerem fand, in den Rucksack (Handgepäck) umpacken. Dabei durften keine Flaschen sein, denn die hätten sie mir abgenommen (man darf nur 100 ml in einem durchsichtigen Plastikbeutel mitnehmen).

Ich hatte gut geschätzt, als ich wieder zum Schalter ging, wog der Sack nur noch 22 kg – das war ok. Nach dem Bezahlen der 30,25 $ Flughafensteuer ging ich noch mal zurück zu der Stelle, an der man sich von den Peruanern  verabschieden kann. Ich umarmte Zulma fest und fragte mich, ob ich sie in 2 Jahren wiedersehen werde (sie ist schwer krank) – es war ein etwas wehmütiger Abschied (auch wenn wir während der ganzen Zeit nicht über die Krankheit sprachen – sie zeigt sich immer optimistisch). Vor der Passkontrolle lange Schlangen. Da ich den weißen Zoll-Zettel von der Einreise in der Eile nicht mehr gefunden hatte, musste ich das Formular noch mal ausfüllen (und später 4 $ bezahlen). Ich machte mir wegen der Warterei keine Gedanken, als plötzlich ein amerikanisches Pärchen neben mir aufgeregt mit einer Uniformierten redete und sagte, wir müssten noch auf den Delta-Flug nach Atlanta. Sie sagten uns, der Flieger sei startklar, sie werden aber durchgeben, dass einige noch in der Warteschlange steckten. Da ich zum Bezahlen der 4 $ zu einem andern Schalter geschickt wurde, verlor ich noch mal Zeit und musste zum Gate rennen. Ich kam an und war vermutlich der letzte Passagier. Kaum war ich an meinem Platz hieß es auch schon „Fasten seat belt“ und pünktlich um 0.30 hob die Maschine ab. Kurz nach dem Start sah ich schräg unter mir den Mond (es war Halbmond), erst dachte ich, es wäre ein Scheinwerfer des Fliegers.

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Jetzt ist schon 16.40 – ich war mit einer Peruanerin, die in München lebt, etwas ins Gespräch gekommen. Der Mann (oder novio) der Peruanerin heißt Martin Alstedter, ist Fotograf und macht gerade einen Bildband über Afrika. Sie war einmal mit ihm in La Viktoria. Er stieg aus, um ein paar Bilder zu schießen, sie blieb aus Angst im Auto. Es kamen einige Straßenkinder, die dort schlafen. Sie erzählte auch was, dass sie über eine Kirche den Kindern Essen gaben und dass sie gefragt wurden, wie man helfen könne. Da sie keine Organisation kannte, konnte sie hier nicht viel sagen. Dann ging das Gespräch um einige touristische Zonen in Peru (Huaraz, Iquitos). Es war irgendwie witzig: sie als Peruanerin kam mir vor wie ein ausländischer Tourist in Peru, sprach von Lodges im Urwald, vom Fischen auf dem Amazonas usw. Ich zeigte auf dem Laptop auch ein paar Bilder von den Shipibos, sie sagte, die Leute sehen aus wie von den Philippinen, die sind vor Kolumbus irgendwie nach Peru gekommen. Die Indios im Hochland würden ganz anders aussehen, mit Hakennase wie die Inkas… Man merkte, dass sie aus der Oberschicht kommt, Vorfahren evtl. Italiener, aber trotzdem an sozialen Fragen interessiert.

 

Ja, und dann gings wieder zurück nach Alemania….

 

 

 

 

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